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Philipp RÜhr und Henning Fehr
In Advance of Étant Donnés

Konzepttext:
1. Initial
Unserem Entwurf für den Bergpark Zeche Lohberg liegt das einfache Prinzip einer Camera Obscura zugrunde. Die ihr eigene Funktion, die sichtbare Projektion der Außenwelt auf eine Fläche im Inneren der Camera, wird aber dadurch gebrochen, dass die Architektur weder zugänglich noch einsehbar ist.

2. Entwurf
Der Entwurf für das Projekt In Advance of Étant Donnés umfasst einen 3,30 x 3 x 4 Meter großen Quader aus Stahl sowie eine Reihe von Bäumen, die sich in ihrer Farbigkeit und Anordnung auf den Quader beziehen. Der Quader entspricht in seiner Bauweise dem Prinzip einer Camera Obscura. Demnach befindet sich in einer der vier Wände eine kleine kreisförmige Öffnung, durch die ein Abbild der Außenwelt ins Innere der Camera Obscura projiziert wird. Im Gegensatz zu anderen Camera Obscuras soll In Advance of Étant Donnés aber weder zugänglich noch einsehbar sein, so dass der Betrachter sich die im Innern des Quaders tatsächlich stattfindende Projektion vorstellen muss, da er sie nicht sehen kann. Darüber jedoch, dass es sich um eine Camera Obscura handelt, wird der Betrachter nicht im Zweifel gelassen: Auf den beiden längeren Seiten des Quaders sind jeweils besonders ausgearbeitete Schemata eingelassen, die die Funktion einer Camera Obscura veranschaulichen. Durch die zentrale Lage der Installation ist sie von allen Seiten des Geländes sowie vom Stadtteil Lohberg aus sichtbar. Die Öffnung im Quader, ein Loch von geringem Durchmesser, ist in eine der beiden kürzeren Seiten des Quaders - der dem Stadtteil Lohberg zugewandten Seite - eingelassen. So wird sowohl ein Teil des Landschaftsparks sowie ein Teil des Lohberger Wohngebiets ins Innere der Camera Obscura projiziert. Dies erschließt sich dem Betrachter, obwohl er die Projektion nicht sehen kann. Der Quader ist aus Stahl gefertigt, dessen Oberfläche rostet und eine ausnehmend dunkle Färbung annimmt. Die Installation wird von einer Reihe Blutbuchen, das sind hoch und breit gewachsene, sehr dunkel gefärbte Bäume, ergänzt, die rückwärtig des Quaders in einem bestimmten Winkel angeordnet sind.

3. Das Prinzip einer Camera Obscura
Indem das Bild der Außenwelt durch eine kleine Öffnung ins Innere der abgedunkelten Camera Obscura projiziert wird, erscheint auf der rückwärtigen Wand der Camera Obscura das Abbild der Außenwelt.
Dabei ist das Abbild gänzlich gespiegelt, also auch auf den Kopf gestellt. Dieser Vorgang bedarf keiner Linse, da die Tiefenschärfe des Abbildes sich allein aus dem Verhältnis von Durchmesser und Abstand der Öffnung zu dem projizierten Objekt (Außenwelt) einerseits, sowie zu der Fläche, auf die projiziert wird (rückwärtige Wand), andererseits, ergibt.

4. Unzugänglichkeit und Vorstellung

Der Betrachter hat faktisch keine Möglichkeit die Projektion im Inneren der Camera Obscura tatsächlich zu sehen, so sehr er dies auch wünscht, denn bei dem Versuch, die Projektion durch die ihr zugrundeliegenden Öffnung zu betrachten, bricht er den Prozess der Projektion zwangsläufig ab, da er jenes Loch, durch das das Licht der Projektion eindringt, selbst verdeckt. Der Wunsch die Projektion zu betrachten wird den Betrachter jedoch dazu veranlassen sich eine Vorstellung von der Projektion zu machen. Dabei ist das Wissen darum, dass die Projektion - obwohl nicht erfahrbar - tatsächlich gegenwärtig stattfindet, entscheidend. Diese Gewissheit wird durch die besondere Konstellation der in den Prozess der Projektion involvierten Objekte vermittelt. Sie ist deshalb so entscheidend, weil nur das Wissen um das tatsächliche Gegebensein der nicht-sichtbaren Projektion eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser durch den Betrachter anregt. Die Konstellation besonderer Objekte, das sind Camera Obscura und dazugehörige Bäume sowie deren Verhältnis zur gesamten Umgebung, ist konstitutiv für die Auseinandersetzung mit der unsichtbaren Projektion. Einerseits verweist nämlich durch sie die Erfahrung der doppelten Virtualität, das ist die unsichtbare Projektion, entschieden auf ihren Ursprung in der realen, materiellen Welt. Andererseits weckt die scheinbare Abwesenheit der Projektion im Betrachter den Wunsch nach einer realen Präsenz des Bildes der Projektion. So wird ein Moment der Wertschätzung des Bildes im Allgemeinen möglich. Durch den essentiellen Verweis des Virtuellen auf das Materielle richtet sich immer wieder die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Außenwelt und damit auf die Verfasstheit Dinslakens. Indem durch die Installation In Advance of Étant Donnés der Betrachter dazu angehalten wird sich etwas vorzustellen - das ist hier die umgebende Landschaft - entsteht, was wir ästhetisches Bewusstsein nennen. Im Zustand des geweckten ästhetischen Bewusstseins wird der Betrachter unbestimmter
Möglichkeiten der bekannten Realität gewahr. Er beginnt die Unterbestimmtheit des Wirklichen zu erkennen.
Da es sich bei dem Besucher des Landschaftsparks typischerweise um einen Anwohner des Stadtteils Lohberg handelt, gewinnt die ästhetische Bewusstseinswerdung einen besonderen Reiz, denn da der Anwohner sich den Landschaftspark und den Stadtteil Lohberg als Projektion im Inneren der Camera Obscura vorstellt, reflektiert er über seine eigene Lebenssituation, wobei ästhetische Potentiale im Gegebenen vergegenwärtigt werden. Indem er sich das gespiegelte Abbild der Außenwelt vorstellt, stellt er sich selbst nicht nur ein Abbild vor, sondern geht in der Hinterfragung des Abzubildenden weit über dieses hinaus und macht sich ein Bild.

5. Erinnerung und Vergegenwärtigung

Gleich dem nun geschlossenen Schacht der Zeche verschließt sich auch die Geschichte in der Erinnerung vor äußerem Zugriff. Unsere Erinnerung, ist ein Raum, der nicht von anderen betreten werden kann und auch uns selbst erscheint er problematisch, da er oft als etwas vollkommen virtuelles aufgefasst wird. Durch In Advance of Étant Donnés möchten wir aber zwei Dinge hervorheben. Das ist einerseits die Tatsache, dass die Erinnerung immer ein Erinnern an Sinnlich erfahrbares ist. Dies wird durch die Besonderheit aller Objekte, die an dem Prozess der Projektion beteiligt sind, hervorgehoben, wie zum Beispiel der offenen rostigen Oberfläche der Camera. Andererseits werden durch das gemeinsame
Betrachten von In Advance of Étant Donnés Erinnerungsprozesse objektiviert, wenn der Betrachter über die Verfasstheit seiner eigenen Erinnerung reflektiert und sich bewusst ist, dass Ähnliches auch bei anderen Betrachtern geschieht. Erinnerung überhaupt wird so zu etwas intersubjektivem.

6. Gestaltung der Wände: Schemata
Auf den beiden jeweils längeren Seiten der Camera Obscura soll jeweils ein unterschiedliches Schema in den Stahl des Quaders eingelassen werden, das den Betrachter über die Funktion einer Camera Obscura aufklärt. Ein Schema soll das Prinzip anhand einer Sanduhr erläutern, die projiziert und somit gespiegelt wird. Dieses Schema bleibt sehr allgemein und bedient sich eines relativ unspezifischen Objekts, nämlich der Sanduhr. Trotzdem bleibt auch dieses Schema spannend, da durch das Einbringen einer Uhr der Prozess der Projektion verzeitlicht wird. Außerdem ergibt sich durch die Spiegelung einer Sanduhr ein Raum–Zeit Paradoxon. Das gegenüberliegende Schema veranschaulicht das Prinzip der Camera Obscura an einem besonderen und komplexeren Fall. Hier werden eine Wolke, ein Baum, sowie ein leicht verfremdetes Michelin-Männchen gespiegelt, wobei auch die Camera Obscura aus der Installation In Advance of Étant Donnés selbst im Schema dargestellt ist. Durch die Darstellung von Besonderem (im Gegensatz zum Allgemeinen) findet durch dieses Schema eine Vergegenwärtigung statt. Das Zusammenspiel der beiden Schemata mündet in einem dialektischen Verhältnis von Besonderem und Allgemeinen, und erlaubt ein freies Spiel von Erkenntnis in der Reflexion des Betrachters.

7. Lage im Park

Die Installation In Advance of Étant Donnés befindet sich in zentraler Lage im Bergpark Lohberg und somit auch mitten auf der Blickachse Lohberg - Bergpark. Somit wird nicht nur Lohberg als Abbild in der Camera Obscura projiziert, sondern diese ist auch von Lohberg aus sichtbar. Zu den Betrachtern der Installation zählt also nicht nur der kurzfristige Besucher des Landschaftsparks, sondern vor allem auch der langfristige Anwohner Lohbergs. Von dem langfristigen Wahrnehmungsprozess zwischen den Anwohnern Lohbergs und der Installation ist ein besonderes Pontential (im oben erläuterten Sinn) zu erwarten. Auch befindet sich die Installation in unmittelbarer Nähe zum Wasser des Weihers. Wendet der Betrachter seinen Blick von der Installation ab, so erblickt er im Weiher die Spiegelung der umgebenden
Landschaft. Diese entspricht aber annähernd der Projektion, wie sie in der Camera Obscura zu erwarten ist. Es findet also eine Aktualisierung statt. Gleichzeitig tritt dieses tatsächliche Abbild in Konflikt mit der Vorstellung des Betrachters, die sich stark unterscheiden muss. Auch dieses dialektische Verhältnis ist Anlass für ein Spiel von Erkenntnis im Betrachter.

8. Die Bäume
Auf der rückwärtigen Seite der Camera Obscura sind entlang der Achse der Projektion, die im Inneren der Camera Obscura stattfindet, in einem Abstand von ca 25 Metern fünf Blutbuchen gepflanzt. Von der Seite betrachtet löst sich der Eindruck von der Ordnung einer Reihe aufgrund des großen Abstands der Bäume zueinander auf. Sie werden zu einzelnen, unzusammenhängenden Objekten. Vom Standpunkt der Camera Obscura aus betrachtet, lässt sich die Symmetrie klar erkennen. Hier verweisen die Bäume auf den Prozess innerhalb der Camera Obscura. Dieses Changieren zwischen einzelnen Objekten und einer zusammenhängenden Installation entspricht dem Changieren der Installtion zwischen einem Objekt bloßer ästhetischer Betrachtung und der Installation als einem Apparat. Die dunkle Farbigkeit der Bäume ergänzt einerseits den Kontrast von Hell und Dunkel im Zusammenhang
mit der Camera Obscura. Außerdem verweisen die dunklen Bäume, leicht surreal, auf denjenigen Stoff in dem Boden auf dem sie wachsen, der Anlass für den Bergbau gab: die Kohle.

9. Materialität
Der Quader der Camera Obscura soll aus einem dunkel getönten Stahl gebaut werden, der an der Oberfläche rostet. Auch hier spielt die dunkle Oberfläche mit dem Kontrast Hell und Dunkel und zwar im Zusammenhang des Bergbaus, also von Oberfläche und Schacht.
Das Material Stahl ist außerdem eng mit der Umgebung verknüpft, insofern die Geschichte des Ruhrgebiets auch eine Geschichte des Stahls ist. Durch die rostige, offene Oberfläche des Stahls wird noch einmal vergegenwärtigt, dass die Prozesse von Vorstellung und Erinnerung ihren Ausgang immer im sinnlich-erfahrbaren haben. Auch die scheinbar virtuelle Projektion ist ein Prozess zwischen besonders arrangierten Objekten, um deren wirkliche Aufmerksamkeit durch den Betrachter wir uns letztlich bemühen.

 

   

 

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